Fliegenwerfen aufzeichnen

Fliegenwerfen - wie geht das eigentlich? Wie kann ich meine Leine effektiver ausbringen und Fehler ausmerzen? Was hat es mit den AFTMA-Klassen auf sich? Was sind Spezial- und Trickwürfe? Fragen über Fragen! Hier könnt Ihr Euch gegenseitig helfen.

Moderatoren: Forstie, Maggov, Olaf Kurth, Michael.

Tom Kin

Ungelesener Beitrag von Tom Kin »

weil aufnehmende Menschen schon mal zu "künstlerischer Verspieltheit" neigen
... Profis nicht ;-)
Wenn ich von einer handwerklich sauberen Arbeit spreche, meine ich die Erfüllung von ein paar Formalismen.
Wichtiger als Videotricks ist, auch bei kleinen Produktionen, ein Storybook, heißt plane die Szenen mittels Skizzen. Schon da fallen didaktische Mängel auf. Über den Einsatz von Kontrasten ist hier schon gesprochen worden. Wichtiger ist aber das Einfangen der unterschiedlichen Dynamiken (und Geschwindigkeiten) beim Wurf. Heißt u.a. Beachtung unterschiedlicher Radialgeschwindigkeiten. Guter Szenenaufbau: filmen dreier aussagekräftiger Perspektiven, z.B. Armbewegung, Spitzenbewegung, Blick über die Schulter. Dann das gleiche nochmal in der Totale; Phasensampling.
Der Blick über die Schulter ist ein ganz wichtiger Scope weil dieser Blick dem Werfer am nächsten ist und mit dem Werfer die Schnurperspektive zeigt. Mel Kriegers Schnur, die sich auf den Betrachter zu bewegt ist so ein künstlerischer Firlefanz.
Was nicht gezeigt werden kann anders darstellen. Das ist in Mel's Faults and Fixes gut gemacht. Die Choreografie wird a) pantomimisch gezeigt und die Spitzenbewegung separiert. Guter Kniff.
Auch mal eine Zeitlupe planen und möglichst Tele vermeiden weil das den Raum verdichtet.

Gruss Tom
Werner48

Ungelesener Beitrag von Werner48 »

Danke für die Tipps Tom,
ich werde mir für die Aufnahmen, die noch anstehen und die, die neu gemacht werden müssen, unter Berücksichtigung deiner Angaben ein paar Gedanken machen.

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Schnur, die sich auf den Betrachter zu bewegt ist so ein künstlerischer Firlefanz. 
Genau das war es, was mich in einigen Aufnahmen- in denen ich mich selbst betrachten durfte- gestört hat.
Man sieht nichts als eine "eiernde" Leine.
Bernd Ziesche

Ungelesener Beitrag von Bernd Ziesche »

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Zuletzt geändert von Bernd Ziesche am 28.07.2013, 07:30, insgesamt 1-mal geändert.
Tom Kin

Ungelesener Beitrag von Tom Kin »

Bernd, letztendlich habe ich nichts anderes gesagt. Krieger (u.a.) machen das Maximum, was in Angesicht des Abnehmerkreises drin ist.
Mit der Halle war nur eine Idee. Man kann auch in ein leeres Schwimmbecken gehen. Es geht nicht um das Ausreizen von elektrischer Technik sondern der Technik des Filmens. Für einen guten Text brauche ich nur Papier und Bleistift aber ein paar Regeln sollte ich schon bedienen. Das ist es, was ich manchen zum Vorwurf mache.
Unter Berücksichtigung unserer visuellen Fähigkeiten wäre statt eines schwarzen Hintergrundes eine Gerätschaft mit wechselnden Farbrhythmus optimal aber wer will schon seine heilige Schnur und Rute, wie eine Schranke anmalen? Kosten übrigens nicht viel ;-) Thats it!

Tom

P.S. € 2000.- ist übrigens der Minutensatz für eine ganz profane Reportage.
Tom Kin

Ungelesener Beitrag von Tom Kin »

Hi,
bei mir sind einige Anfragen eingegangen. Ich werde das mal zusammenfassen und ein paar Tipps geben.
Vorweg: Meine obigen Kritiken sind teilweise etwas missverständlich aufgenommen worden. Beispielsweise liebe ich das Video Fault and Fixes von Mel ausserordentlich weil es originell ist und mit pfiffigen Stilmitteln arbeitet. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass man mit einigen kleinen Kniffen mehr hätte machen können ohne gleich eine Kostenexplosion auszulösen. Mein Lieblingsvideo gibt's bei Sexyloops, wo im Wohnzimmer der Doppelzug pantomimisch demonstriert wird. Witzig und genial.

Eine gute Wurfaufnahme hinzukriegen ist aus vielerlei Gründen keine leichte Aufgabe.
Die unterschiedlichen Dynamiken im Bewegungsablauf können zwangsläufig nicht gleichzeitig filmisch erfasst werden:
wird der ganze Wurfraum gezeigt wird der Werfer zu klein, wird der Werfer gezeigt ist keine Schnur zu sehen usw.

Ich stelle ein Beispiel für eine, meiner Meinung nach, gute szenische Auflösung zu Diskussion:

Zutaten ;-) : zwei Personen (Werfer, Filmer), Camcorder mit manuellem Shutter, Leiter, Zentimeterband.
Immer wichtig: Autofokus ausschalten!

1. Bild
<Ist Euch schon mal aufgefallen, bei wie vielen Videos die Wurfhand vom Körper verdeckt wird, auch in diesem Thread? Das ist, wie Softporno: viel Bewegung, wenig zu sehen. Also, Rechtshänder zeigen der Kamera ihre rechte Seite, Linkshänder die linke.>
Torso (halb), Wurfarm (frontal, leicht auf 7 Uhr), mit 1/4000 (Shutter) Wurfbewegung nach hinten. Kein Text im Off
2. Bild
<Der Bewegung nachspüren. Man muss (erstmal) nicht alles zeigen. Sehen ist überwiegend ein mentaler Prozess. Was fehlt "dichtet" das Gehirn dazu.>
Der Schnur beim Auslegen nach hinten folgen (statisch, 1/4000). Also rauf auf die Leiter, Werfer auf die Knie. Der ist ja nicht zu sehen. Bitte immer auf Wurfarmseite filmen, kein Seitenwechsel sonst Achsenbruch/Kontinuitäsbruch. Kein Text im Off.
3. Bild
<Das ständige reinquaseln ins Bild transportiert nichts und nervt.>
Bild bei maximaler Streckung stoppen. Jetzt ggf. Text (sprechen).
4. Bild
Wie 1) nur in der Vorwärtsbewegung aber frontal hinter Werfer, leicht auf 5 Uhr.
5. Bild
Wie 2) nur Streckung nach vorne. Ggf. Stopp und Text.
6. Bild
Wieder Wurfarmbewegung nach hinten, diesmal seitlich/Profil Torso (halb)
7. Bild
Nur Spitzenbiegung nach hinten zeigen (Shutter), also rauf auf die Leiter ...
8. Bild
Wie 6) nur Vorwärtsbewegung
9. Bild
Wie 8) nur nach vorne ...

Jetzt kann der ganze Prozess in der Totale gezeigt werden (ohne Shutter). Das Hirn rechnet das bereits gesehene dazu und
versteht das Bild.
Achtung! Die Bewegungsabläufe zw. Filmer und Werfer, wie in einer Choreographie, vorher einüben.
Bitte obiges nicht in dieser Chronologie drehen, hier ist schon der Schnitt eingebettet.

Und noch was! Mal Hand aufs Herz! Wer schreibt für seine Wurfszenen ein Drehbuch? Schwer zu glauben aber das ist die Seele des Geschäfts. Hier werden Mängel schon im Vorfeld offenbar und man beugt den, in den meisten Videos anzusehenden, Zufälligkeiten vor.

Tom
Werner48

Ungelesener Beitrag von Werner48 »

Hallo Tom,
vielen Dank für das Beispiel !
Bernd Ziesche

Ungelesener Beitrag von Bernd Ziesche »

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Zuletzt geändert von Bernd Ziesche am 28.07.2013, 07:31, insgesamt 1-mal geändert.
Tom Kin

Ungelesener Beitrag von Tom Kin »

Du hast vielleicht berufsbedingt einen leicht anderen Betrachtungsstandpunkt für einen entsprechenden Film als ich
Hi,
stimmt und stimmt auch nicht. Ich weiss durchaus einen guten Eintopf zu schätzen. Es ist gar nicht so sehr Ausrüstung und unterschätze nicht die Wirkung von dem, was Du nicht siehst oder nicht zu sehen glaubst.

Mach' einen ruhigen Kameraschwenk über eine Person. Fang bei den Augen an, gehe über den Bauch zu den Füssen. Schneide die Bilder vom Hals bis zum Bauchnabel, sowie die vom Schritt bis zum unteren Schienbein raus!
80 % schwören nach dem Abspielen die ganze Person gesehen zu haben.

Gut Filme machen kann man nicht einfach so. Jeder Job lebt von der Erfahrung. Aber auch als Hobbykoch kann man auf eine Tütensuppe verzichten. Will sagen: eine ernsthafte Arbeit ist auch einer sogenannten Billigproduktion anzusehen.

Tom
Tom Kin

Ungelesener Beitrag von Tom Kin »

Hi,
habe heute die Mauri-DVD gesehen. Wirklich Klasse. Das kann Ambitionierten als Vorlage bzw. Schablone dienen.

Ich war beeindruckt!
Tom
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Rolf Renell
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Ungelesener Beitrag von Rolf Renell »

Genau so sehe ich das auch,und es ist die erste Scheibe oder Video auf dem Markt ever ,welche es so rüberbringt,guter Job!!!
Beste Grüsse,Rolf
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