Ein Reisebericht von Clemens Ratschan
Surviving Sajan – wo die Mongolei am wildesten ist
Teil 2: Über die Berge ins Äschenparadies
Schwieriger Abschied vom Shishkhid

Trotz der vielen Aufregungen am Taimenfluss Shishkhid sind wir mittlerweile schon fast an unserem Etappenziel angekommen, dem linken Zubringer Jolgo Gol [Gol heißt Fluss auf Mongolisch], der unweit der russischen Grenze unseren Ausstiegspunkt bilden soll. Vier Kilometer davor verengt sich das Tal zu einer schlecht einsehbaren Schlucht. Hier einfach „um die Kurve“ zu fahren wäre viel zu gefährlich, das Wildwasser muss zuvor eingesehen werden und es muss klar sein, dass man gegebenenfalls umtragen kann und nicht bei senkrechten Felswänden ansteht. Diese Aufklärung kann durchaus eine Stunde und mehr dauern. Wir entschließen uns zu einem anderen Weg. Nachdem wir es wohlbehalten bis hierher geschafft haben, wollen wir einfach keine Risiken mehr eingehen. Auf der Karte ist zusehen, dass wir das Tal des Jolgo über einen kleinen Pass auch von hier aus erreichen können. Wir tauschen dadurch 4 km gefährliche Wildwasserstrecke gegen eine 7 km Marschetappe, die allerdings mehr als 500 Höhenmeter Anstieg beinhaltet.

Diese Stelle können wir nach der Besichtigung noch leicht fahren
Ein letzter Lenokfang
Hier endet die Flussbefahrung
Wir lassen also mit ambivalenten Gefühlen die Luft aus den Packrafts – die werden wir erst mehr als eine Woche später wieder brauchen. Einerseits sind wir erleichtert, dass somit klar ist, dass wir diese wilde Flussbefahrung heil überstanden haben. Andererseits wissen wir, dass jetzt für längere Zeit eine wesentlich schweißtreibendere Fortbewegungsart vor uns liegt. Und zu gerne hätten wir noch unser Glück versucht, den einen oder anderen Taimen im Shishkhid zu überlisten. Unsere zwei Rucksäcke werden gezurrt und abgestimmt, um sicher zu gehen, dass sie annähernd gleich schwer sind. Die Fischwaage zeigt je 33 kg Startgewicht, das sich durch den einsetzenden, alles durchweichenden Regen wohl rasch auf 35 kg oder mehr erhöhen wird.

Schwer bepackt steigen wir also aus dem Flusstal in die Taiga des nördlichen Abhangs. Offensichtlich sind vor wenigen Jahren hier sehr große Flächen abgebrannt. Man möchte meinen, dass solches Waldbrand-Gelände ein günstigeres Marschgelände bietet als dichter Wald. Das trifft aber nicht zu. Es liegen Stämme und Äste kreuz und quer, die ständig umgangen oder überklettert werden müssen, dazwischen rankt teils dorniges Gestrüpp. Vor dem Anstieg machen wir mit großer Verspätung Mittagspause in einem trockenliegenden Bachbett. Völlig durchnässt müssen wir paradoxer Weise länger auf die Suche nach Wasser zum Kochen gehen und finden zum Glück einen kleinen Tümpel im Wald. Im weiteren Verlauf wird das Gelände steiler, die offenen Flächen der Hänge sind noch schlimmer. Sie sind mit dicken Torfmoospolstern bewachsen, wo man bei jedem Schritt dezimetertief einsinkt. Unsere Fortbewegung wird hier quälend langsam und extrem anstrengend.

Marsch durch Wald-, Waldbrand- und Moosgebiete

Blick zurück ins Tal des Shishkhid
Schließlich macht sich die Sonne an diesem regenverhangenen Tag doch noch bemerkbar und wir stellen mit Schrecken fest, wie tief sie schon steht. Schon seit Stunden ist uns kein Fleck mehr aufgefallen, der einigermaßen waagrechtes Gelände bietet wo man ein Zelt aufstellen könnte. Noch dazu haben wir kein Wasser mit und hier im steilen Gelände stehen die Chancen eines zu finden schlecht. Werden wir es bis zum Sattel oben schaffen und dort zumindest einen Lagerplatz haben? Bald wird klar – das geht sich auf keinen Fall aus, es setzt bereits die Dämmerung ein. Es bleibt nur die Option eines Biwaks und wieder haben wir über alle Maßen Glück! Wir hören ein leises Plätschern und keine 20 m davon ein nicht allzu steiles Plätzchen, das breit genug für uns beide ist. Wir graben in die Böschung und schichten den Aushub unterhalb an, wo wir Äste zwischen den Bäumen verkeilt haben. So entsteht eine einigermaßen waagrechte Fläche, wo noch Zweige ausgebreitet und die Boote ausgerollt werden. Darüber spannen wir ein Tarp. Ein Feuer wird’s heute nicht mehr geben, stattdessen wird Schokolode gereicht, die garniert mit den letzten Tropfen Wodka für gute Stimmung sorgt.
Das Biwak
Eine Woche Marsch im Land der Zaaten

Am nächsten Morgen erreichen wir rasch den Pass, und zu unserer Erleichterung sieht auch der steile Abhang dahinter machbar aus. Wir steigen wiederum durch abgebrannten Wald bis zum Bach ab. Immer wieder muss das Bachbett gequert werden, um felsigen Steilufern auszuweichen. Erst am Nachmittag erreichen wir aus diesem Seitental den Jolgo Gol, und sind fix und fertig. Die Aufregungen der Tage zuvor und die zwei Tage Schinderei wirken sich jetzt, als der Druck etwas abfällt, offenbar entsprechend aus. In meinem Fall kommt der noch immer anhaltende Durchfall als Nachwirkungen der Krankheit vor der Abreise dazu. Für Jakob waren die letzten Tage sowieso eine einzige Qual: Blasen und Druckstellen waren das eine Problem, die gebrochene Rückenstütze des Rucksacks und der dadurch geschundene Rücken das andere. Antriebslos und appetitlos legen wir uns in die Sonne und bringen kaum die Energie auf, das Lager aufzubauen. Wir müssen uns sogar zwingen, rasch ein paar Äschen zu fangen - der Jolgo ist offensichtlich voll davon! Hoffentlich wird unsere Verfassung am nächsten Tag besser, denn jetzt steht eine schwere Marschwoche vor uns, in der wir dem Jolgo flussauf folgen werden, bis über die Oberläufe und einen 2700 m hohen Pass. Nur so können wir von diesem wirklich entlegenen Ort wieder zurück in die Zivilisation kommen.

Abstieg in Waldbrand-Gelände
Mückendichte Siesta
Am nächsten Tag steigt das Stimmungsbarometer rasant, als wir durchaus Gefallen daran finden dem kleinen Fluss zu folgen. Die grasigen Böschungen bilden ein viel besseres Marschgelände als am Vortag, sie werden wahrscheinlich durch Eisstöße freigehalten. Wir sind sehr erleichtert, denn beispielsweise mooriger Untergrund hätte den bevorstehenden Marsch zu einem Martyrium gemacht. Wir hatten im Vorfeld auch keine näheren Informationen, wie sich das Gelände hier darstellen würde, nur Vermutungen auf Basis von Luftbildern. Reicht Wald bis ans Gewässer, so helfen meist dem Fluss folgende Wildpfade weiter.


Entlang des Jolgo-Unterlaufs
Zu früh gefreut, denn schon steht senkrechter Fels an, der eine Querung erfordert. Der Fluss ist im Gegensatz zum Shishkhid eiskalt, und an guten Stellen gerade eben seicht genug für eine Querung. Die Schuhe sind sowieso nass (und werden das die ganze Woche lang bleiben), wir queren also mit dem normalen Schuhwerk. Die wunderschöne Landschaft entschädigt für die Strapazen, und ein zwei mal stecken wir unterwegs die Rute zusammen um zu fischen. Neben den fast allgegenwärtigen, vorwiegend kleinen Äschen geht in einem größeren Kolk – der Unterlauf besteht ansonsten fast nur aus eher seichten, rasch fließenden Rauschen – ein schöner Lenok an den Haken. Leider flüchtet er beim Fotoshooting und bleibt undokumentiert. Der Jolgo wäre groß genug, um auch Taimen Lebensraum zu bieten, und so beschäftigt uns die Frage, ob wir in den größten Kolken auch solche hier finden können. Nach der Antwort suchen wir mit Hilfe der Rehhaarmaus, die sich zuvor als effektiver Taimenköder erwiesen hat. Leider ohne Interessenten.
Nach einer Stunde Marsch steht die erste Flussquerung an .. angesichts der starken Strömung anspruchsvoll!
Das Felsufer im Hintergrund mussten wir oben umgehen .. beim Abstieg war eine Kletterpartie notwendig

Bei den Äschen hier handelt es sich um die „Gelbschwanzäsche“ (engl. gold-tailed grayling, Thymallus svetovidovi), die in der Mongolei nur hier im kleinen Einzugsgebiet des Jenissej vorkommt. Diese besonders schöne Äschenart wurde erst 2009 vom russischen Wissenschafter Igor Knizhin gemeinsam mit dem amerikanisch-österreichischen Kollegen Steven Weiss formal erstbeschrieben, und zwar anhand von Material, das ich 2007 im Fluss Sharga im nördlichen Darhad Becken gesammelt habe. Sie gehört zur Gruppe der Arktischen Äschen im weiteren Sinne, von denen es in Nordasien etwa 10 mittlerweile als Arten beschriebene Formen gibt. Das Gebiet der Mongolei entwässert im Wesentlichen in 4 Einzugsgebiete großer Flüsse die nach Russland fließen, und in jedem davon lebt eine andere dieser Äschenarten. Darüber hinaus findet man im abflusslosen zentralasiatischen Becken im Altai die Mongolische Äsche (Thymallus brevirostris).
Wunderschöne Gelbschwanzäschen aus dem Jolgo
Meine Kamera ist bei der ersten Kenterung vor vier Tagen ja abgesoffen. Ich habe sofort den Akku entfernt, alle Abdeckungen geöffnet, und lege sie wann immer möglich in die Sonne. Jede Nacht nehme ich das klobige Ding in den Schlafsack mit, um es mit Körperwärme weiter zu trocknen. Jetzt wage ich endlich einen Versuch und baue das Ding wieder zusammen, um nicht nur mit der Action-Cam behelfsmäßig Fotos knipsen zu können, sondern endlich wieder zu fotografieren. Tatsächlich klappt es, trotz einiger noch immer im Sucher erkennbarer Tropfen funktioniert das gute Stück wieder!


Dieses gesamte Tal glauben wir für uns alleine zu haben
Am zweiten Tag weitet sich das Tal des Jolgo. Wir finden unseren Weg teils in wunderschönem offenen Gelände, das mit blühendem Enzian und Edelweiß heimischen Almwiesen ähnelt. Der Fluss bildet große Mäanderschlingen, sodass wir uns vom Ufer lösen und häufig am Talrand marschieren, wo hoher Wald mit knorrigen Lärchen steht. Über die Wurzeln und zwischen den Stämmen schlängelt sich ein teils erstaunlich gut ausgetretener Wildpfad. Man wird hier unweigerlich zum scout. Schon seit Stunden fällt uns die Spur eines einzelnen Rentiers auf. Schon sonderbar, dass dieses so zielgerichtet dem Weg folgt. Als wir schließlich auch ein Zuckerlpapier neben der Spur finden wird uns klar: auf dem Rentier muss ein Reiter sitzen, der aber nie absitzt, nicht einmal bei Querungen oder steilen Böschungen fanden wir menschliche Trittsiegel. Ein Zaate nutzt den Weg und dürfte unweit vor uns reiten!

Beim Volk der Zaaten (auch Dukha) handelt es sich um eine kleine, von der Rentierzucht lebende Ethnie mit eigener Sprache, die nur noch von wenigen hundert Menschen gesprochen wird. Diese leben heute ausschließlich hier im nordmongolischen Grenzgebiet. Ursprünglich besiedelten sie hauptsächlich die heutige Republik Tuwa, aus der sie als diese in die Sowjetunion eingegliedert wurde in die unzugängliche mongolische Grenzregion flohen.

Ein Stück weiter finden wir Zeltstangen die gleich einem Indianer-Tipi aufgestellt sind, daneben einen gusseisernen Ofen und aufgerichtetes Holz. Also ein Lagerplatz! Auch in den nächsten Tagen finden wir einige ähnliche Stellen. Humor dürften die Zaaten jedenfalls haben. An einem Lagerplatz hängt hoch auf einer dicken Lärche – mitten im Nirgendwo – eine Holztafel mit der Inschrift: „Am Jolgo Fluss arbeitet eine Überwachungskamera“. Leider treffen wir weder den einsamen Reiter vor uns noch eine Familie oder deren Rentiere. Es wäre schon sehr spannend gewesen, diesen Menschen zu begegnen. Generell bleibt die Reise äußerst einsam, für mongolische Verhältnisse sogar extrem einsam: wir werden insgesamt 14 Tage lang keine Menschenseele treffen. Erst als wir auf der anderen Seite des Passes wieder in Nomadenland kommen, gibt es laufend wieder Begegnungen.

Lagerplatz der Zaaten
Wegmarkierung der Zaaten
Tafel mitten im Nirgendwo mit der lustigen Inschrift: „Am Jolgo Gol arbeitet eine Überwachungskamera“
Am Ende des breiten Tals zweigt sich der Jolgo auf. Wir folgen dem östlichen Arm, der direkt in die Berge führt. Zuerst verzweigt sich der Fluss noch laufend, und man findet hier immer noch eine wunderbare Äschenfischerei. In jeder Mittagspause und am Abend hilft die kurzweilige
Trockenfischerei, den vom Rucksack geplagten Rücken zu entspannen und ein paar Momente ohne Anstrengung zu genießen. Denn der Marsch wird zunehmend schwieriger, wir finden keine Zaaten-Wege und sehr oft auch keine Wildpfade mehr und müssen uns durch dichtes Gestrüpp, steile Hänge mit Unmengen an Totholz oder schmale, quergeneigte Uferböschungen kämpfen und ständig den Bach queren. So anstrengend das auch ist, bietet es doch ein kurzweiliges, archaisches Abenteuer, sich den Weg durch eine so ursprüngliche, menschenleere Wildnis zu bahnen. Man entwickelt dabei ein gutes Gespür für die vorhandenen Landschaftsstrukturen und den bestmöglichen Weg auf den unterschiedlichen Skalen von den nächsten paar Schritten bis hin zu Tagesetappen und ganzen Tälern.


In einem kleinen Nebenarm ohne Strömung sieht man Äschen stehen


Brücken sind die Ausnahme .. ständiges Queren die Regel
Traumhafter Abschnitt mit gutem Wildpfad
Überwindung von Wildbächen und Pass

Waren ganz unten am Jolgo weder menschliche Pfade, noch Stümpfe abgeschnittener Stämme oder irgendwelche anderen Kennzeichen menschlicher Aktivität zu erkennen gewesen, so fällt uns erstaunlicherweise mehr und mehr Plastikmüll auf. Schnüre, Reste blauer und weißer Plastiksäcke, Gummihandschuhe, Stiefel etc., das Ausmaß die Wildnis verschandelnder Gegenstände wird immer ärger und erreicht mittlerweile ein wirklich beschämendes Ausmaß. Vermüllen tatsächlich die Zaaten die Landschaft so stark? Erst als ich eine zerbrochene, flache  Plastikschüssel finde, wird die Antwort klar: Das ist eine Pfanne zum Goldwaschen, es handelt sich um typische Abfälle von Goldsuchern! Ein kleines Seitental hat wohl großes Hochwasser geführt und Unmengen an Schotter, Schwemmholz und ein extremes Ausmaß an derlei Plastikmüll in „unseren“ Oberlauf geschoben. Offensichtlich lag in diesem Seitental die Hauptaktivität dieser Glücksritter, weiter flussauf nimmt der Müll glücklicherweise stark ab. Erstaunlich, in welche entlegenen Täler es diese verzweifelten Gestalten getrieben hat.

„Teufelscanyon“ mit Goldwäscher-Aktivität
Fragment einer Waschpfanne
Am vorletzten Tag vor dem Pass zweigen wir in den engen, steilen Canyon eines Wildbachs ab. Hier heißt es ständig im kalten Wasser waten und felsige Passagen zu überklettern, und wir merken auch konditionell wie steil das Talgefälle geworden ist. Es fallen ausgehobene Gruben auf, und dass die Bäume auf den Hängen umgehackt wurden. Hier waren die Goldsucher also auch aktiv, und zwar bis vor nicht allzu langer Zeit. Später konnten wir herausfinden, dass diese Aktivitäten vor einigen Jahren verboten wurden, weil sie ein massiv zerstörerisches Ausmaß angenommen hatte. Richtig spooky wird es, also wir mitten in der engen Schlucht ein zu einem Zelt aufgestelltes Holzgestellt mit darüber gebreitetem, löchrigem Reitermantel vorfinden. Und – man glaubt es kaum – darunter ist fein säuberlich frisches, noch grünes Reisig ausgebreitet. Hat hier jemand gerade übernachtet? Wir drehen uns um, schauen über die Schultern, uns schaudert der Gedanke, dass etwa eine dieser Gestalten oder deren Seele es – wie in einem schlechten Film – nicht glauben wollte, und immer noch auf der Suche nach dem großen Fund in diesem „Teufelscanyon“ schürft. Oder hat vielleicht doch nur ein Tier hier Unterschlupf gefunden und das Grünzeug so schön aufgebreitet?
Das alte Biwak ...
... mit frischer Einstreu, wer war das?
Der nächste Lagerplatz am rauschenden Wildbach wird der erste, an dem es am Abend keinen köstlichen Backfisch gibt – wir haben die Region der Äschen hinter uns gelassen und schon fast die Baumgrenze erreicht. Die Landschaft wirkt durch Wasserfälle und bizarre Felsformationen
abwechselnd wildromantisch und lieblich, wenn wir auf höhere Ebenen steigen und uns durch Zwergbirken und verstreute Zirbelkiefern bewegen. Der Blick schweift über die Landschaft am Talschluss immer wieder Richtung Pass, denn dort wartet die nächste herausfordernde Unbekannte.
Wird der anvisierte Sattel überhaupt passierbar sein? Wir kennen nur die grobe Topografie aus den hervorragenden russischen Karten im Maßstab 1 : 200.000 und erwarten am Ende einen zwar steilen, aber machbaren Anstieg. Wie das in der Natur dann tatsächlich aussieht – schon ein einzelnes unpassierbares Felsband könnte den Plan durchkreuzen – werden wir erst vor Ort beurteilen können.
Bachschluchten am Oberlauf
Hintergrund Hetteg Uul (3163 m)
Glücklicherweise geht sich das Marschieren so aus, dass wir vor der geplanten Passquerung nach einer etwas längeren Etappe bis zum Talschluss vordringen und hier an einer wunderschönen Stelle quasi Hochlager machen, wo Wasser und auch noch Feuerholz vorhanden ist. Erst am nächsten Morgen wird die Sicht auf den Pass frei, als wir einen Hang aufsteigen und einen davorliegenden Kogel umgehen. Es handelt sich um eine Blockhalde, die im obersten Teil zwar schon recht steil wird, prinzipiell aber machbar sein sollte. Leider setzt genau jetzt als es am wichtigsten ist Regen ein, sodass nicht nur das Abbrechen von Felsblöcken sondern auch das Abrutschen zur Gefahr wird. Vor der Blockhalte machen wir noch eine kurze Pause. Als Jakob seinen schweren Rucksack abstellt, reißt ihm der rechte Träger seines Rucksacks aus. Das Ding wird provisorisch fixiert – es muss jetzt unbedingt noch einen Tag bis ins Tal halten! Ganz vorsichtlich und langsam klettern wir über die Blockhalde, wobei jeder der Brocken vor dem Belasten auf Festigkeit zu prüfen ist!
Blick zum Hetteg Uul (3163 m), rechts davon unser Pass
Bald ist’s geschafft!
!
„Hochlager“ (ca. 2180 m) vor dem Pass
Unter den verstreuten Mini-Lärchen wachsen auch hier oben noch Butterpilze
Es gelingt wunderbar, und als wir am Pass auf ca. 2700 Höhenmetern stehen überkommt uns schon ein besonderes Hochgefühl. Endlich ist es geschafft, wir überblicken eine Berglandschaft, wo wir uns eine ganze Woche mit schwerem Rucksack vom Shishkhid herauf geplagt haben. Es wird jetzt nur mehr berg- und dann flussab gehen, es warten weitere landschaftliche und hoffentlich auch wieder fischereiliche highlights auf uns, die hoffentlich ohne große Anstrengungen genossen werden können!
Das letzte Stück zum Pass
Besorgter Blick in der Blockhalde
Endlich auf dem Pass (ca. 2700 m)
Blick über die kargen Hochlagen des „Ulaan-Uul“ Gebirges
Doch zuerst gilt es, ganze 1000 Höhenmeter in die Tiefe bis ins Tal abzusteigen. Wir schaffen das bis zum Abend, wobei wir zuerst über weitere Blockhalden, dann über blütenreiche Almmatten und Zwergbirken marschieren, um schließlich wieder den vertrauten Lärchenwald zu erreichen. Dort folgen wir einem steilen Wildbach, wo wir wiederum Goldgräberaktivitäten vorfinden. Und zwar im unteren Teil in einem besonders extremen Ausmaß. Nicht nur das Bachbett wurde hier flächig umgegraben, auch die seitlichen Halden wurden in ein Feld aus trichterförmigen Löchern ähnlich einem Eierkarton umgewandelt. Über länger als eine Stunde des Abstiegs begleitet uns diese sonderbare Landschaft. Hier müssen zeitweise hundert Menschen geschuftet haben, und zwar unter unglaublicher Mühsal, denn Hinweise auf eine maschinelle Unterstützung sind nirgends zu sehen. Alles, auch die schweren Steinblöcke und Felsen, wurden mit reiner Muskelkraft bewegt. Es wäre wirklich spannend zu wissen, wie viel an Gold tatsächlich gefunden wurde, um diese armen Leute zu solchen Leistungen anzuspornen!
Abstieg an der Waldgrenze
im Bachtal liegt weit unten noch Altschnee
Umgegrabene Landschaft, so geht’s noch weiter bis in den Talboden im Hintergrund
Wunderbarer, wandelbarer Hug

Unten im Tal finden wir am Abend eine schöne Lagerstelle am Fluss namens Hug und sind begeistert, dass sich dieser jedenfalls groß genug für eine Bootsbefahrung, wunderschön und voller Äschen zeigt. Jakob fängt noch welche zum Abendessen während ich das Lager aufbaue und die Aussicht auf den rauschenden Bach genieße.
Als wir am nächsten Morgen ins Boot steigen, fahren wir zuerst über breite Verzeigungs- und Ausschotterungszonen, müssen dann aber rasch erkennen, dass die Sache nicht ganz so bequem bleiben wird wie erhofft. In kurzen Abständen verklaust der Wildfluss, sodass wiederum sehr
vorsichtiges Fahren und ständiges Aussteigen und Umtragen notwendig ist. Teils ist das Flüsschen auch noch zu seicht.

Das Flüsschen verklaust ständig, teils müssen einige hundert Meter umtragen werden

Zu seicht zum Bootfahren




Der gesamte erste Bootstag führt durch sich dynamisch verzweigende Bereiche, die wunderschön anzusehen, aber mühsam zu befahren sind. Was bin ich froh, die herrliche Fluss- und Auenlandschaft mit meiner wieder funktionierenden Systemkamera fotografieren zu können. Meine Fotodrohne wäre hier der Oberhammer gewesen, aber die schwimmt jetzt in Russland (siehe Teil 1). Der Lagerplatz am Abend wird einer der schönsten der gesamten Tour, er liegt an einer Flusskrümmung mit Totholz und tiefen Zügen im Außenbogen. Ganz nah am anderen Ufer steigen Fische mit ganz kleinen Ringen. Zuerst denke ich, das werden wohl Jungfische sein. Doch die Probe aufs Exempel verrät das Gegenteil – es handelt sich um gute Gelbschwanz-Äschen. Auch künftig zeigt sich, dass die Äschen sich hier nur ungern aus der Deckung wagen, und vorzugsweise ganz ufernah steigen. Wie schon auf der anderen Seite des Passes finden wir wieder das Bild, dass die Größe der Äschen Richtung flussab ansteigt. Ob das nun mit einem geringen Wachstum in den kalten Oberläufen zusammenhäng, oder mit Wanderungen bzw. altersspezifischer Habitatnutzung im Längsverlauf, kann ich nicht sagen. Hier gibt’s jedenfalls vereinzelt auch schon Exemplare bis über 40 cm.

Generell gilt ja, dass Äschenarten in den „sibirischen“ Flüssen in mehrerlei Hinsicht eher die ökologische Nische der Bachforelle als jene der Europäischen Äsche in den heimischen Gewässern einnehmen. Im oberen Teil der Fischverbreitung entsprechend der „Obere Forellenregion“
mitteleuropäischer Flüsse sind sie die einzige Fischart, erst deutlich weiter flussab folgen die Lenoks. Wie erwähnt bestehen auch bezüglich der Habitatwahl – gerne in Bereichen mit Deckung – und der Nahrungswahl gewisse Ähnlichkeiten zwischen den Äschen hier und der heimischen Bachforelle. Die Äschen attackieren auch große Streamer, versuchen gar die riesigen Rehhaarmäuse zum Taimenfang zu verschlingen, was natürlich nicht gelingen kann.

Beim vielleicht schönsten Lagerplatz der Tour



Die Äschen gleichen lebenden Juwelen
Im weiteren Verlauf mäßigt sich das Gefälle des Hug und der Fluss holt zu immer weiteren Schlingen aus, die die gesamte Talbreite umfassen. Er bildet wunderschöne tiefe Züge, wir sind vom glasklaren, türkisgrünen Wasser ebenso begeistert wie von den traumhaften Strukturen und Fischeinständen. Es ist kaum zu glauben, dass hier nicht auch Taimen vorkommen. Ich lasse wiederum die Rehhaarmaus über die besten Stellen furchen, aber kein Großfisch stürzt sich auf das reizende Angebot. Sogar die ersten, sporadischen Lenoks finden wir erst am dritten Bootstag auf dem Hug. Rückblickend wäre es besser gewesen, die unglaublich gute Trockenfliegenfischerei auf Äschen in vollen Zügen zu genießen, als sich mit der erfolglosen Großfischsuche aufzuhalten.


Beide kommen wechselnd zum Einsatz – die 6er mit Trockenfliege und die 10er Einhand mit Maus
Die tiefen Außenbögen der Mäander könnten auch Taimen genug Platz bieten .. wir finden hier aber ausschließlich Äschen


Wiedersehen mit Lenok
Eine besonders exzessive Steigerei findet an einer Stelle statt, wo wir zum Nudelkochen Mittag halten. Ein kleiner Zufluss hat hier durch seinen Geschiebeeintrag den sonst etwa 40 m breiten Hug eingeengt und konzentriert die Strömung samt Nahrung zu einer Art „running sushi“. Eine Äsche nach der anderen holt sich die bleichen Eintagsfliegen von der Oberfläche, die gerade zahlreich unterwegs sind, und bei fast jedem gut platzierten Wurf wird auch die imitierende Parachute Fliege von einer Äsche genommen. Die Äschen steigen mit ganz spitzen, feinen Ringen, nur ein Fisch inmitten der Stelle produziert größere Wellen. Ich habe einen Verdacht wer diese verursacht, denn mir ist mir ein auffällig stark pigmentierter Lenok aufgefallen, den ich beim Drüberfahren vor einer halben Stunde verscheucht habe. Als ich auf einen „Chernobyl Hopper“ wechsle – eine klassischen Mongolei-Fliege – schießt prompt eine Bugwelle heran und verschlingt den schrillen Köder, der eine Heuschrecke imitieren soll. Es ist tatsächlich der auffallend gepunktete Lenok, ein wuzeldickes und quirliges Exemplar von etwa 55 cm Länge, das ich zwar landen kann, aber vor dem Fotografieren leider wieder verliere. Jakob steht weiter flussab und erlebt dort eine wunderbare Äschenfischerei.

Mittagspause am Äschen-hotspot
Wer findet das Zelt?
Abendlicher Äschentraum
Auch weiterhin wechselt der Hug stetig seine Form. Er wird hier zu einem richtigen, sinuosen Mäanderfluss, dessen Schlingen einander fast berühren. Richtig breit wird das Gewässer, und der Grund besteht über große Flächen aus reinem Sand. Die Tiefe beträgt oft nur 10 cm, sodass man aufpassen muss nicht aufzulaufen. Am nächsten Tag führt der Hug zuerst durch eine kurze, verblockte Schlucht, später rieselt der Abfluss auf großer Breite zwischen runden Steinen durch, wo man ständig aufläuft oder in Sackgassen landet, aus denen das Boot gezogen werden muss. Schon bei etwas geringerem Abfluss gäbe es hier kein Durchkommen mehr. Die Nachwirkungen des vielen Regens, der uns am Shishkhid fast zum Verhängnis geworden ist, haben hier also doch ihr Gutes.
Übergangsbereich zur Mäanderstrecke
Die letzte kleine Schlucht des Hug
Schwer hier durch zu kommen!
Wir erreichen schließlich die Ebene, wo wir den Einheimischen beim Mähen und Heu machen zusehen. Die Nomaden treiben ihre großen Herden, die jetzt noch weiter flussab im weiten Darhad Becken weiden, im Herbst in diese Gebirgstäler, wo sie von den Heureserven zehren können. Auch Schutz vor Wind und Schnee durch den Wald und das vorhandene Brennholz dürften in den Tälern im langen und eiskalten mongolischen Winter von großem Vorteil sein.
Darhad-Mongolen bei der Heuernte



Fischereilich bieten die unteren Regionen des Hug trotz teils herrlicher Strukturen nur wenig. Später erfahren wir, dass noch vor wenigen Jahrzehnten hier auch noch Taimen anzutreffen waren, wir finden aber nur mehr Äschen in geringerer Zahl als im Mittellauf und ganz vereinzelt Lenoks vor. Wohl hat die leichte Zugänglichkeit hier in der Steppe zu einem Befischungsdruck geführt, der nicht mit einem guten Fischbestand vereinbar ist.

Wir nähern uns schließlich termingerecht der Brücke über den Hug, die wir mit unserem Fahrer als Treffpunkt am nächsten Morgen vereinbart haben. Jakob bemerkt, dass er seine Bergschuhe im letzten Lager vergessen hat, was bei mir zu Erheiterung und Schadenfreude führt. Zum Glück ist der Gute so genügsam, dass es ihm nichts ausmacht, die Rückreise bis Mörön mit Socken und weiter bis nach Hause mit Badeschlapfen zu absolvieren. Wir kaufen uns beim nahen Touristencamp Brot und Bier, um die gelungene Packrafting-Runde mit einem wunderbaren Sonnenuntergang ausklingen zu lassen.

Zurück in der Steppe. Im Hintergrund die markanten Berge auf der anderen Seite des Darhad Beckens
Bei der Brücke im Hintergrund liegt der mit dem Fahrer vereinbarte Abholpunkt
Generell kann unsere Tour aber nicht weiterempfohlen werden. Im Sommer ist die Wasserführung im Shishkhid zu hoch, der Fluss ist schlicht zu wuchtig für Packrafts. Schwerere, ausreichend wildwassertaugliche Boote können nicht aus eigener Kraft über das schwierige, weitläufige Gelände zurückgetragen werden. Später im Herbst wird die Wasserführung deutlich zahmer, dann wäre die Überquerung der Schluchten und des hohen Passes wegen Eis und Schnee aber zu unsicher, und der Hug würde wie erwähnt zu wenig Wasser führen, um mit einem Boot befahren werden zu können. Letztlich gibt es ein zu kleines und unsicheres Zeitfenster mit geeigneten Bedingungen für diese widersprüchlichen Anforderungen.

Im Rückblick bin ich trotz der erlebten Gefahren und Mühsale sehr froh, gemeinsam mit Jakob diese Tour durchgezogen zu haben. Das Thema ist erledigt. Wäre es unerledigt geblieben, würde ich wohl noch im Seniorenheim mit dem Finger auf der Karte in diesem wunderbaren Eck der Mongolei herumfahren.
 



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Ein Reisebericht in 2 Teilen von Clemens Ratschan für www.fliegenfischer-forum.de - Dezember 2023/Februar 2024. Das unerlaubte Kopieren und Verbreiten von Text- und Bildmaterial aus diesem Bericht ist verboten.
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