Wie ich ein guter Mensch wurde
Verfasst: 18.02.2005, 17:35
Wie ich ein guter Mensch wurde
Also----das muss schon immer in mir gesteckt haben : der tief in meinem Unterbewusstsein schlummernde Wunsch, der Banalität meines Daseins wenigstens punktuell zu entfliehen. Doch Albert Schweizer und Mutter Theresa waren nun leider schon vor mir da, was bleibt einem dann noch.
Solch dunkel-diffuse Gedankenfragmente müssen damals in meinem Unterbewusstsein mitverantwortlich dafür gewesen sein, dass ich mich entschloss vom Allroundangler zum Fliegenfischer zu mutieren, eilt doch jenen der Ruf voraus, ihre Fische auf die fairste und umständlichste Weise zu fangen, die Menschen mit zu viel Zeit zu erfinden fähig sind.
Nun denn, es folgte eine herrliche Zeit des Lernens und des Fischens mit einer selbstgebauten 5er- Rute und der Delta-Wing Caddis, einer ebenso selbstgebauten Fliege, in unserem „Äschenflusse“, bis diese Zeit unkomplizierten Fischens von unseren schwarzen Mitgeschöpfen abrupt beendet wurde.
Zu jener Zeit schaute ich manchmal ins Fliegenfischerforum, hoffend dort Gleichgesinnte zu finden, um mich mit ihnen auszutauschen und mit ihnen gemeinsam zu leiden und mich mit ihnen zu freuen.
Ich Tor, hatte ich mich doch bis zu diesem Tage für einen Fliegenfischer gehalten, der von seinem Metier das ein oder andere verstehe. Aber---„Es irrt der Mensch so lang er strebt“ ,bemerkt schon Gott im Gespräch mit Mephisto, und ER muss es ja schließlich wissen.
Das ganze Ausmaß meiner Frevel- ja der Singular ist hier fehl am Platze - wurde mir bewusst, als ich mir in einer der quartalsmäßig verpflichtenden Diskussionen um Catch and Release beschämt eingestehen musste, dass auch ich den ein oder anderen Fisch vom Leben zum Tode befördert und dem Räucherofen überantwortet hatte. Wie konnte ich nur. Doch auch das Gegenteil schien nicht statthaft zu sein, wie man mir mit Hinweis auf das Tierschutzgesetz versicherte. Was war der Königsweg ? Persönlichkeitsspaltung ? Werner der Releaser versus Werner der Kochtopffischer ? Bevor jedoch eine solch pathologische Geisteskrankheit von mir Besitz ergreifen konnte, informierten mich die haften gebliebenen Reste einer strikt moralischen Erziehung darüber, dass die Guten doch wohl die Releaser seien, denn sie entließen ihre Beute voller Mitgefühl , ritualisierte Entschuldigungssprüche murmelnd, wieder in die vertraute Umgebung. Auch ich tat seitdem desgleichen, die vorwurfsvollen Blicke der gehakten Fische sind meiner so sensibilisierten Psyche nicht mehr zuträglich und erst recht nicht das brechende Auge der für den Räucherofen vorgesehenen Forelle.
Einmal auf den richtigen Weg gebracht, belegte ich ein vierwöchiges Seminar mit dem Titel, „Die richtige Zange zum Widerhakenandrücken“. Es ist natürlich selbstverständlich, dass man als Releaser den Spielgefährten kein unnötiges Leid antut.
„EDEL SEI DER MENSCH; HILFREICH UND GUT“
Dies war fortan mein Programm, wobei „edel“ noch recht einfach war. Wieso ? Ja ist es denn schwierig, nur noch upstream mit Trockenfliegen an unseren Döbelgewässern zu fischen ? Man fängt zwar nicht immer, auch nicht das ganze Jahr, aber was sind schon 362 Schneidertage gegen zwei Tage im Döbelfangrausch und einer mit zwei 25cm Bachforellen.
Das Naturerlebnis an diesen drei Tagen möchte ich um nichts in der Welt missen. Ja es wird ja erst so wertvoll dadurch, dass es sich in nur drei „dichterlebten“ Tagen in die Erinnerung einbrennt. Das nächste Jahr war in dieser Hinsicht noch erfolgreicher, weil jetzt nur an zwei Tagen Fische stiegen, die ich mit der –selbstverständlich Splitcane only- Trockenfliege überlisten konnte- ich werfe nur steigende Fische an.
„Hilfreich“ zu sein, gestaltete sich etwas schwieriger, denn nicht alle wurden Nurfliegenfischer, denen ich Wurfunterricht (kostenlos) erteilte und die zahlreichen Artikel-vorwiegend in einer Fachzeitschrift- waren eben nicht kostenlos. Sie helfen zwar- gerade dort- das hoffe ich wenigstens- aber der moralischen Hochwertigkeit steht die Bezahlung entgegen. Albert Schweizer und Mutter Theresa sind mir da voraus, das erkenne ich an.
„Gut“ war überhaupt nicht schwierig : Anlässlich einer lebhaften Diskussion zwischen mir und den schon vor mir Guten lernte ich, dass die Erwägung, in eng begrenzten Ausnahmefällen Regenbogenforellen in Wasser zu setzen, um sie aus diesem später wieder zu fangen, dem gleichzeitigen Inzest mit Bruder, Schwester, Mutter und Vater in der moralischen Verwerflichkeit übergeordnet ist. Menschen mit fantasievollen Beinamen- „Bei euch ihr Herrn, kann man das Wesen gewöhnlich aus dem Namen lesen„ behauptet Faust -klärten mich darüber auf, dass ordentliche Fliegenfischer den Begriff Regenbogenforelle längst durch Buntesdurchluftbrechunghervorgerufenesfarbspielforellen ersetzt haben. So wie man heute eben nicht mehr Neger, sondern Menschenmitdunklerhautpigmentierungafrikanischerherkunft sagt.
Ohne das Forum wäre meine Läuterung nicht möglich gewesen. Jedesmal, wenn ich etwas im Sinne der Gewässerökologie Richtiges schrieb- etwa : „Lieber fange ich keine Fische als Buntesdurchluftbrechunghervorgerufenesfarbspielforellen mit einer verkümmerten Flosse“,
erhalte ich einen hochgereckten Daumen per Mail und das Lob : Prima !
( In der Psychologie nennt man das klassische Konditionierung. )
Letztens lag übrigens ein Heiligenbildchen mit dem heiligen Franz von Asissi in meinem Briefkasten. ( Für zehn hochgereckte Daumen bekommt man das.)
Nun, um es kürzer zu machen, ich wurde vom Fischer zum Naturschützer. Ich bezahlte insgesamt 400 Euro Jahresbeitrag. Dafür durfte ich mit einer Fliegenrute in der Hand an den Traumgewässern entlang spazieren. Ich sah dem flutenden Hahnenfuß beim Fluten zu. Winkte den hier und dort stehenden einheimischen Bachforellen freundlich zu, erfreute mich am lustigen Spiel der Barsche, die mit der Forellenbrut fangen spielten, sah den behäbigen Döbeln zu, wie sie in der Sonne standen und wusste, dass ich in fünf Jahren wieder Fischen dürfte. Dann würden ich und mein Freund berechtigt sein, im Jahresverlauf je zwei der Bachforellen des Stammes zu fangen, dessen Vorfahren schon Charles Ritz an die Angel gegangen waren und die wir mit einem immensen Aufwand rückgezüchtet hatten, um dem Umweltgedanken gemäß eine einheimische Population in dem Fluss zu etablieren, der schon längst in Struktur und Wasserqualität ein anderer war als der zu den Zeiten des seligen Charles.
Fliegenbinden ? Bitte ja, aber bitte ohne das Köpfchen mit schädlichen Lacken zu tränken. Ich lackierte gar nicht mehr oder nur mit wasserlöslichen Gebinden. ( Weil die so lange trocknen, binde ich gerade die Kollektion für 2006.) Gutmenschen binden ausschließlich mit Bindefäden, denen eine eidesstattliche Erklärung beiliegt, dass sie nicht von halbverhungerten und missbrauchten indischen 3-jährigen handgeklöppelt wurden.
Meine Frau hat es zuerst gesehen . Das diffuse Leuchten um mein Haupt. Obwohl keine Lichtquelle zu erkennen war, „umflorte“ eines Tages beim Aufstehen ein bläulicher, etwa ringförmiger Schein mein schütteres Haar.
Das macht mir nun doch Angst. Und immer öfter ertappe ich mich dabei, wie ich die im Keller verstaubenden Match- Stipp und Spinnruten gedankenverloren betrachte, und in meiner Erinnerung tauchen Sommertage unkomplizierten Angelns im Kreise futterballenformender, herrlich normal gebliebener Zeitgenossen auf. Der lästige Schein um mein Haupt stört auch sehr und ich sollte mich vielleicht doch nach einem Forum mit Gleichgesinnten umsehen.
Gruß Werner
Also----das muss schon immer in mir gesteckt haben : der tief in meinem Unterbewusstsein schlummernde Wunsch, der Banalität meines Daseins wenigstens punktuell zu entfliehen. Doch Albert Schweizer und Mutter Theresa waren nun leider schon vor mir da, was bleibt einem dann noch.
Solch dunkel-diffuse Gedankenfragmente müssen damals in meinem Unterbewusstsein mitverantwortlich dafür gewesen sein, dass ich mich entschloss vom Allroundangler zum Fliegenfischer zu mutieren, eilt doch jenen der Ruf voraus, ihre Fische auf die fairste und umständlichste Weise zu fangen, die Menschen mit zu viel Zeit zu erfinden fähig sind.
Nun denn, es folgte eine herrliche Zeit des Lernens und des Fischens mit einer selbstgebauten 5er- Rute und der Delta-Wing Caddis, einer ebenso selbstgebauten Fliege, in unserem „Äschenflusse“, bis diese Zeit unkomplizierten Fischens von unseren schwarzen Mitgeschöpfen abrupt beendet wurde.
Zu jener Zeit schaute ich manchmal ins Fliegenfischerforum, hoffend dort Gleichgesinnte zu finden, um mich mit ihnen auszutauschen und mit ihnen gemeinsam zu leiden und mich mit ihnen zu freuen.
Ich Tor, hatte ich mich doch bis zu diesem Tage für einen Fliegenfischer gehalten, der von seinem Metier das ein oder andere verstehe. Aber---„Es irrt der Mensch so lang er strebt“ ,bemerkt schon Gott im Gespräch mit Mephisto, und ER muss es ja schließlich wissen.
Das ganze Ausmaß meiner Frevel- ja der Singular ist hier fehl am Platze - wurde mir bewusst, als ich mir in einer der quartalsmäßig verpflichtenden Diskussionen um Catch and Release beschämt eingestehen musste, dass auch ich den ein oder anderen Fisch vom Leben zum Tode befördert und dem Räucherofen überantwortet hatte. Wie konnte ich nur. Doch auch das Gegenteil schien nicht statthaft zu sein, wie man mir mit Hinweis auf das Tierschutzgesetz versicherte. Was war der Königsweg ? Persönlichkeitsspaltung ? Werner der Releaser versus Werner der Kochtopffischer ? Bevor jedoch eine solch pathologische Geisteskrankheit von mir Besitz ergreifen konnte, informierten mich die haften gebliebenen Reste einer strikt moralischen Erziehung darüber, dass die Guten doch wohl die Releaser seien, denn sie entließen ihre Beute voller Mitgefühl , ritualisierte Entschuldigungssprüche murmelnd, wieder in die vertraute Umgebung. Auch ich tat seitdem desgleichen, die vorwurfsvollen Blicke der gehakten Fische sind meiner so sensibilisierten Psyche nicht mehr zuträglich und erst recht nicht das brechende Auge der für den Räucherofen vorgesehenen Forelle.
Einmal auf den richtigen Weg gebracht, belegte ich ein vierwöchiges Seminar mit dem Titel, „Die richtige Zange zum Widerhakenandrücken“. Es ist natürlich selbstverständlich, dass man als Releaser den Spielgefährten kein unnötiges Leid antut.
„EDEL SEI DER MENSCH; HILFREICH UND GUT“
Dies war fortan mein Programm, wobei „edel“ noch recht einfach war. Wieso ? Ja ist es denn schwierig, nur noch upstream mit Trockenfliegen an unseren Döbelgewässern zu fischen ? Man fängt zwar nicht immer, auch nicht das ganze Jahr, aber was sind schon 362 Schneidertage gegen zwei Tage im Döbelfangrausch und einer mit zwei 25cm Bachforellen.
Das Naturerlebnis an diesen drei Tagen möchte ich um nichts in der Welt missen. Ja es wird ja erst so wertvoll dadurch, dass es sich in nur drei „dichterlebten“ Tagen in die Erinnerung einbrennt. Das nächste Jahr war in dieser Hinsicht noch erfolgreicher, weil jetzt nur an zwei Tagen Fische stiegen, die ich mit der –selbstverständlich Splitcane only- Trockenfliege überlisten konnte- ich werfe nur steigende Fische an.
„Hilfreich“ zu sein, gestaltete sich etwas schwieriger, denn nicht alle wurden Nurfliegenfischer, denen ich Wurfunterricht (kostenlos) erteilte und die zahlreichen Artikel-vorwiegend in einer Fachzeitschrift- waren eben nicht kostenlos. Sie helfen zwar- gerade dort- das hoffe ich wenigstens- aber der moralischen Hochwertigkeit steht die Bezahlung entgegen. Albert Schweizer und Mutter Theresa sind mir da voraus, das erkenne ich an.
„Gut“ war überhaupt nicht schwierig : Anlässlich einer lebhaften Diskussion zwischen mir und den schon vor mir Guten lernte ich, dass die Erwägung, in eng begrenzten Ausnahmefällen Regenbogenforellen in Wasser zu setzen, um sie aus diesem später wieder zu fangen, dem gleichzeitigen Inzest mit Bruder, Schwester, Mutter und Vater in der moralischen Verwerflichkeit übergeordnet ist. Menschen mit fantasievollen Beinamen- „Bei euch ihr Herrn, kann man das Wesen gewöhnlich aus dem Namen lesen„ behauptet Faust -klärten mich darüber auf, dass ordentliche Fliegenfischer den Begriff Regenbogenforelle längst durch Buntesdurchluftbrechunghervorgerufenesfarbspielforellen ersetzt haben. So wie man heute eben nicht mehr Neger, sondern Menschenmitdunklerhautpigmentierungafrikanischerherkunft sagt.
Ohne das Forum wäre meine Läuterung nicht möglich gewesen. Jedesmal, wenn ich etwas im Sinne der Gewässerökologie Richtiges schrieb- etwa : „Lieber fange ich keine Fische als Buntesdurchluftbrechunghervorgerufenesfarbspielforellen mit einer verkümmerten Flosse“,
erhalte ich einen hochgereckten Daumen per Mail und das Lob : Prima !
( In der Psychologie nennt man das klassische Konditionierung. )
Letztens lag übrigens ein Heiligenbildchen mit dem heiligen Franz von Asissi in meinem Briefkasten. ( Für zehn hochgereckte Daumen bekommt man das.)
Nun, um es kürzer zu machen, ich wurde vom Fischer zum Naturschützer. Ich bezahlte insgesamt 400 Euro Jahresbeitrag. Dafür durfte ich mit einer Fliegenrute in der Hand an den Traumgewässern entlang spazieren. Ich sah dem flutenden Hahnenfuß beim Fluten zu. Winkte den hier und dort stehenden einheimischen Bachforellen freundlich zu, erfreute mich am lustigen Spiel der Barsche, die mit der Forellenbrut fangen spielten, sah den behäbigen Döbeln zu, wie sie in der Sonne standen und wusste, dass ich in fünf Jahren wieder Fischen dürfte. Dann würden ich und mein Freund berechtigt sein, im Jahresverlauf je zwei der Bachforellen des Stammes zu fangen, dessen Vorfahren schon Charles Ritz an die Angel gegangen waren und die wir mit einem immensen Aufwand rückgezüchtet hatten, um dem Umweltgedanken gemäß eine einheimische Population in dem Fluss zu etablieren, der schon längst in Struktur und Wasserqualität ein anderer war als der zu den Zeiten des seligen Charles.
Fliegenbinden ? Bitte ja, aber bitte ohne das Köpfchen mit schädlichen Lacken zu tränken. Ich lackierte gar nicht mehr oder nur mit wasserlöslichen Gebinden. ( Weil die so lange trocknen, binde ich gerade die Kollektion für 2006.) Gutmenschen binden ausschließlich mit Bindefäden, denen eine eidesstattliche Erklärung beiliegt, dass sie nicht von halbverhungerten und missbrauchten indischen 3-jährigen handgeklöppelt wurden.
Meine Frau hat es zuerst gesehen . Das diffuse Leuchten um mein Haupt. Obwohl keine Lichtquelle zu erkennen war, „umflorte“ eines Tages beim Aufstehen ein bläulicher, etwa ringförmiger Schein mein schütteres Haar.
Das macht mir nun doch Angst. Und immer öfter ertappe ich mich dabei, wie ich die im Keller verstaubenden Match- Stipp und Spinnruten gedankenverloren betrachte, und in meiner Erinnerung tauchen Sommertage unkomplizierten Angelns im Kreise futterballenformender, herrlich normal gebliebener Zeitgenossen auf. Der lästige Schein um mein Haupt stört auch sehr und ich sollte mich vielleicht doch nach einem Forum mit Gleichgesinnten umsehen.
Gruß Werner