Hallo Frank und die anderen,
genau das hatte ich geahnt, die Fragestellung ist so schön komplex, dass wir lieber einen workshop daraus machen sollten, weil es immer so lange dauert bis man die zugehörigen Verwicklungen und Ausnahmen dazu geschrieben hat. Aber seis drum, auch ich wollte wirklich zurück zur Kompensationsfrage bei Populationseinbrüchen acuh durch Wanderung - darum geht es ja an der Basis von Franks Thema.
Vorab gleich gesagt, alle Beiträge haben vollkommen recht, nur wie wir gleich sehen werden, kommen wir aber an der leidigen Kormoranfrage trotzdem nicht vorbei, zumal darin ja der Grund des in Rede stehenden Populationseinbruchs liegt.
Zunächst müssen wir aber noch mal in die Grundlagen der Ökologie. Wie Clemens in einem seiner Berichte im Vergleich zwischen der Mur und dem sibirischen ??? so schön gezeigt hat (und die ich u.a. wegen solcher Hintergrundinformationen so sehr schätze), sind Fließgewässer physikalisch bestimmte Systeme. D.h. im Gegensatz z.B. zum tropischen Regenwald, der v.a. biologisch (also dem Zusammenwirken der Organismen selbst) gesteuert wird, von (oft unvorhersagbaren) äußeren Einflüssen gelenkt. Da aber die Evolution der Biozönosen so absolut von außen dominiert wird, ist die innere Struktur nur sehr begrenzt von internen Vorgängen wie Konkurrenz, Prädation, Symbiose usw. bestimmt. Dagegen besitzen sie ein entsprechend sehr hohes Regenerationspotenzial auch gegenüber Katastrophenereignissen. Die Folge des für alle gleichen Selektions- und des fehlenden gegenseitigen Evolutionsdrucks ist, dass die meisten ökologischen Nischen von nur einer oder wenigen Arten mit breitem Anpassungsspektrum besetzt sind. Konkurrenz ist einfach nicht vorgesehen und wenn die doch auftritt, geht das meist kräftig in die Hose. Schön sichtbar am Rhein, wo die eingewanderte Fauna mittlerweile 90 % der Biomasse ausmacht, oder an den endemischen Forellen Nordamerikas, die nur noch unter 5 % ihres ehemaligen Lebensraumes besiedeln.
Fast alle in den posts bisher angeführten Beispiele beziehen sich deshalb natürlich auch auf physikalische Katastrophen, Hochwasser, Trockenheit, Hitze, Eisgang usw. auf die unsere Biozönosen adaptiert sind und bei deren Kompensation die Zuwanderung (meist von der Seite und von oben) und die Rückwanderung (meist von unten) für die Fische ein wichtiger, aber nicht der einzige Kompensationsweg sind. Hinzu kommt die Möglichkeit die jungen Altersstadien woanders zu lassen (die zitierten Laichbäche, aber auch Hochflutrinnen, Altwasser usw.), die Laichreife vorzuverlegen, um schneller wieder Nachwuchs zu haben, mehr Körpermasse in Gonaden umzusetzen und nicht zuletzt eine Menge Platz zu haben für den Nachwuchs, ja und wenn alle Stricke reißen, kann man sich auch noch von hilfreichen Trotteln besetzen lassen

. Die Wirbellosen haben übrigens noch paar mehr Flucht- und Rückwege entwickelt.
Alle diese Weg funktionieren dann auch zusammen, nach dem Motto kommt Zeit kommt Rat und in ein paar Jahren ist alles wieder gut..... allerdings nur wenn die Wege auch alle oder zumindest überwiegend ungestört offen stehen und nicht weitere negative Einflüsse wirksam werden, ...sonst kommt nur Verrat und nichts wird gut. Also insofern mit allen dacors: Naturnahe Gewässer heilen sich selbst am Besten und daran müssen wir arbeiten., aber auch dort finden sich Grenzen, wenn die Reaktionsmöglichkeiten überdehnt werden.
So nun aber ans Konkrete und damit das Beispiel von Frank ins Sauerland verlegt und ein paar Jahre weiter beobachtet.
Unser ganz reales Gewässer wird seit 1986 nicht mehr besetzt (davor nur Brut von BF), hat trotzdem oder deswegen? einen Bestand von 1700 bis 2400 Bachforellen und Äschen (ca. 15 - 20 %)/ha, die sich vollkommen selbst erhalten, per Ami-definition also „wild fish“. Das Gewässer ist so naturnah wie das geht, mit einer Talsperre im Oberlauf und Wiesennutzung in der Aue, ist Naturschutz- und FFH-Gebiet, Schwerpunktgewässer für die Fischökologie in NRW und was haste noch alles. Wesentliches Manko ist ein unüberwindliches Wehr mit Ausleitungsstrecke und WKA ziemlich genau in Streckenmitte von 6 km.
Bis dahin alles schön: Die Forellen sind feist und gut gewachsen, absolut typisch gefärbt gelblich-braun-golden mit nur wenigen großen Punkten auf den Seiten und ohne auf dem Rücken mit Ausnahme von zwei bläulich/schwarzen Scheinaugen über den echten auf dem Kopf und nur einer Reihe roter Punkt auf der Seitenlinie, dazu oft noch 5-6 kleine rote Punkte auf der Basis der Rückenflosse. Wer sich die jemals genau angeschaut hat, kann sie nicht mehr verwechseln und erkennt sie jederzeit wieder zwischen anderen heraus. Im Gegensatz zu den weniger spektakulär gefärbten Äschen stellen sie allerdings ab ca. 35 cm das Wachstum weitgehend ein und Exemplare über 40 cm gelten als kapital, während die Äschen, ungewöhnlich für das Sauerland, immer wieder mal die 50 cm Marke sprengen.
Dann aber bricht ein neues Jahrtausend und mit ihm der Schwarze Tod auf uns herab. Nun im Telegrammstil die weitere Entwicklung:
2000/2001 Kahlfraß unter den Äschen, aus der Talsperre zugewanderte Hechte (vereinzelt) und Aale (sehr häufig) verschwinden gleich mit.
2001/2002 von irgendwoher! auftauchende einzelne Äschen werden beim Laichen gesehen
2002/2003 der Fang einiger kleiner und mittlerer Äschen läßt Hoffnung aufkeimen, alles könnte wieder gut werden. Dass immer mehr BF mit Schnabelverletzungen auftauchen wird nur unwillig zur Kenntnis genommen, ebenso wie das ständige Auftauchen einzelner (bis zu 4) K... im Sommer!
2003/2004 Erneuter Einfall im Winter, jetzt sind auch die Bachforellen dran. Trotzdem scheint nach einem völlig leeren Frühjahr alles wieder etwas besser, nur die Forellen sind noch kleiner als sonst und stehen in Wohnungen, die für sie einfach zu groß sind. Von Äschen ist nichts mehr zu sehen.
Herbst 2004 Die turnusmäßige E-Befischung bringt Erschreckendes zu Tage: Keine Fische in den tieferen Gewässerteilen (wenn der Ar... des 1,84 m großen E-Fischers sich der Wasseroberfläche nähert, geht nichts mehr), keine Äschen mehr oberhalb des Wehres, nur sehr große Einzelexemplare im Brücken-Parkplatzbereich unterhalb davon. Nur noch 4 Aale, dafür deutlich mehr Mühlkoppen als früher. Der Gesamtbestand beträgt noch zwischen 400 und 800 BF/ha.
2005/2006 Es ist noch eine größere Zahl von Bachforellen beim Laichen zu registrieren, allerdings in bisher nie gekannter „Größe“, Weibchen mit 20 – 22 cm und Männchen mit 16 – 18 cm sind eher die Regel als die Ausnahme, Fische über 30 cm sind nicht zu finden.
2006/2007 Die Zahl der Laichbetten nimmt nochmals ab, Männchen sind nun schon mit 15 cm beim Laichen häufig. Erstmals werden „falsch“ gefärbte und gepunktete Fische in größerer Zahl gefangen und auch beim Laichen gesehen
2007/2008 Ein Pendelschlag nach oben, durch das Erlensterben und Stürme kommt mehr Sonne ins Wasser und der Hahnenfuß sehr stark auf, worin sich offenbar mehr BF verstecken können und den Sommer überleben. Allerdings ist es nun definitiv, die Äsche ist oberhalb des Wehres ausgerottet. Zur Laichzeit tauchen unterhalb des Wehres einzelne Äschen auf, die offensichtlich von tiefer liegenden Strecken zugewandert sind, da sie sehr „mitgenommen“ wirken, nahezu alle weisen verheilte Schnabelwunden auf.
2008/2009 Der vorläufig letzte, vergleichsweise „geringe“ Wintereinfall, wir vermuten fast, es lohnt sich für die Todesvögel nicht mehr bei uns. Die „Fehlfarbigen“ (nicht rassistisch gemeint) unter den Forellen stellen mittlerweile ca. 50% der Fänge, dazu kommen diverse offensichtlich aus anderweitigem Besatz kommende Fische (Farbe, Flossenschäden, Ernährungszustand usw.) – eine Frage lautet z.B. “Du glaubst du, da hat einer Meerforellen besetzt? Ich hab mehrere gefangen, die sahen genau so aus wie an der Ostsee“. In der „besuchten“ Strecke unter dem Wehr werden noch insgesamt 6 Äschen zwischen 15 und 18 cm gefangen, sonst nirgendwo.
2009/2010 Eine Kurzbefischung mit E-Gerät im April 2010 ergibt in der unteren Strecke 35 Bachforellen < 25 cm, keine Äsche, keinen Aal aber eine große Anzahl von Mühlkoppen auf 300 m Fluß. Oberhalb des Wehres, in einer tieferen Strecke, 14 BF (davon 7 bis 30 cm in einer einzigen Totholzverklausung), 2 Aale und eine mittlere Zahl von MK auf 200 m. Hochrechnung auf ha erübrigt sich da.
Sommer 2010, Effekt wie von Frank beschrieben, nur regional auf Flachwasser, Krautbetten und Rauschen beschränkt, dort sind überall Fische vorhanden, vereinzelt sogar mit > 30 cm, allerdings sind die Fehlfarber (s.o.) nun mindestens 1:1 vertreten, der Eindruck suggeriert sogar eher mehr.
So das war´s erst mal, Rückschlüsse und Konsequenzen später noch mal, für heute bin ich fettich und müde.
Siegfried